Czernowitz Bukowina - Wo Menschen und Bücher lebten

 

Inhalt

Buchvorstellung
Othmar Andrée

Vera Hacken. Kinder- und Jugendjahre mit Elieser Steinbarg

In der Sprachfalle. Von der literaturhistorisch zweifachen Unzugänglichkeit Elieser Steinbargs



Es ist heutzutage nicht einfach, sich der literarischen Figur Elieser Steinbargs zu versichern - als Leser und an seiner Biografie Interessierter. Über siebzig Jahre nach seinem Tod ist schon nicht mehr ohne weiteres nachzuvollziehen, wie sich im März 1932 Tausende von Czernowitzern haben einfinden können, den viel zu früh Verstorbenen auf seinem letzten Lebensweg zu begleiten. Dabei vergessen wir nur zu leicht, dass Steinbarg ausschließlich jiddisch schrieb, ein Idiom, das die Czernowitzer Juden der frühen Dreißiger des zurückliegenden Jahrhunderts trotz ihrer Hinwendung zur deutsche Sprache noch locker beherrschten, von dem sich aber zwischenzeitlich die Welt mitsamt Israel verabschiedet hat. Auch weil er die Katastrophe der Schoa nicht voraussehen konnte, hat sich Steinbarg mit seiner Dichtung auf ein sprachliches Abstellgleis manövriert, und es scheint, als erfreue sich in unseren Tagen sein Œuvre nicht annähernd jener Wertschätzung und Beachtung, die etwa der antiken griechisch-römischen Literatur entgegenschlägt. Auf diese Weise verbirgt sich Steinbarg hinter einer doppelten Unzugänglichkeit.

Nirgendwo im Osten Europas war der gesellschaftliche Druck zur Vielsprachigkeit so ausgeprägt wie in der Bukowina mit ihrer großen Zahl an ethnisch-sprachlichen Minderheiten. Die Juden haben diese Herausforderung angenommen, auch dann noch, als diese sich nach dem Ersten Weltkrieg mit der allumfassenden, von Bukarest gesteuerten Romanisierung zu einer schwer zu bewältigenden Kraftanstrengung ausgewachsen hatte. Trotz dieses Prozesses verfügten die Czernowitzer und Bukowiner Juden allzeit über eine physische Verbindung zur jiddischen Sprache und ihrer Dichtung, zu eben diesem Elieser Steinbarg und seinem genialen Antagonisten Itzik Manger, aber auch zu Moische Altmann, Fried Weininger, Jone Gruber oder Jankew Friedmann. Die heute in der Welt verstreut lebenden letzten Bukowiner und natürlich all diejenigen, die das Jiddische beherrschen, sind gleichsam die Lordsiegelbewahrer einer faszinierenden, mitunter skurrilen, sich auf hohem Sprachniveau bewegenden Dichtung.

Wollte man Steinbarg im Jahre 2004 unter die Leute bringen, wäre man zu einer Gesamtübersetzung seines eher schmalen Werkes, das sind hauptsächlich seine Fabeln und Märchen, gezwungen, eine Bringschuld, an der kein Weg vorbeiführt und die bisher nur in Ansätzen abgetragen worden ist. Ob das allerdings gelingt, ist noch sehr die Frage. Paul Celan prägte das Wort (1), er glaube nicht an Zweisprachigkeit in der Dichtung, vielmehr sei diese das schicksalhaft Einmalige der Sprache. Auch wenn Celan mit dieser Metapher nicht auf die Arbeit der Übersetzung abstellt, vielmehr auf den eigentlichen dichterischen Schöpfungsakt verweist, sollte man aber auch Peter Demetz' These (2) mit spitzen Fingern anfassen, wir alle schwämmen längst im Meer einer zukünftigen Weltliteratur der selektiven Idiome, die sich die Sprache ihres Schaffens nach Belieben aussuchen darf und ihre Klientel unabhängig vom geografischen Meridian und seinem jeweiligen Zungenschlag bedient.

Die Wahrheit nämlich und die bittere Erkenntnis ist, dass Steinbarg in der Übersetzung verblasst, der Reim und die Metrik seiner Fabeln sich nur mit hohem Zeitaufwand ins Deutsche umstrukturieren lassen und am Ende dennoch alles ein wenig platt daherkommt, pausbäckig, bieder, in der Poesie einer Betriebsfeier, weil noch während der Übertragung, noch während der Arbeit an der Übersetzung deutlich wird, wie der Pfiff des Jiddischen, seine Schlagfertigkeit, sein Witz, sein Klang, seine Plastizität irgendwo zum deutschen Fenster hinaus ist.
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Vera Hacken hat diesem großen Czernowitzer in ihrem Bändchen „Kinder- und Jugendjahre mit Elieser Steinbarg“, das jetzt erstmalig als Manuskript auf Deutsch vorliegt, ein außergewöhnliches Denkmal gesetzt. Der Text, gerade einmal achtzig Seiten, ist zugleich unterhaltsam wie belesen, zeugt von der sensiblen Psychologie und vom nicht geringen literarischen Sachverstand der Autorin. Wir erhalten ein bemerkenswert einprägsames, detailliertes und äußerst lebendiges Bild vom Dichter und Menschen Elieser Steinbarg. Aber nicht nur die Figur dieses Schöpfers sich reimender Fabeln steigt bildhaft vor unserem geistigen Auge auf. Auch einige Dichterkollegen und bildenden Künstler jener Epoche werden skizzenhaft vorgestellt, manch andere schillernde Figur des Czernowitz der Zwanziger und frühen Dreißiger des zurückliegenden Jahrhunderts wird schlaglichtartig beleuchtet. Wie durch einen Türspalt blicken wir auf die soziokulturellen Verhältnisse der rumänischen Zwischenkriegszeit in der Bukowina.

Nicht zuletzt werden wir Zeugen einer innigen, schwärmerischen, ja, leidenschaftlichen Liebe und großen Verehrung eines jungen Menschen zu seinem humanen und künstlerischen Vorbild. Den Freunden der Bukowina sei Vera Hackens Bändchen, für das noch ein Verleger gefunden werden muss, ans Herz gelegt.



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(Das Bändchen, ca. 80 Seiten stark, kann jetzt über czernowitz@gmx.de und gegen einen Kostenbeitrag von 10 € + Porto als Manuskript in einfacher Bindung bezogen werden.)







(1) Antwort auf eine Umfrage der Librairie Flinker, Paris, 1961 (Gegenstand der Umfrage war das Problem der Zweisprachigkeit.) In: Paul Celan. Der Meridian und andere Prosa. Frankfurt am Main 1983
(2) Peter Demetz. Viele Zungen im Kopf und keine Sprache. Die Kafka-Bellow-Connection: Im Gespräch mit Schriftstellerkollegen findet Philip Roth zu sich selbst. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24. März 2004

Gelber Balken