Czernowitz Bukowina - Wo Menschen und Bücher lebten

 

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Josef N. Rudel

Die Stimme, Mitteilungsblatt für die Bukowiner, Tel Aviv







Neu im Chor der Bukowina-Literatur.

Othmar Andrées "Czernowitz Spaziergänge"




Ich freute mich, als vor einigen Tagen die Post mir Othmar Andrees Buch ins Haus brachte. Ich freute mich um so mehr, da ich wusste, wie viel ihm am Erscheinen dieses Buches gelegen war. Er hatte alles, was über Czernowitz und die Bukowina geschrieben wurde, erstanden oder in Bibliotheken ausfindig gemacht, sich mehrmals an Ort und Stelle umgesehen und sich zu guter Letzt mit seinem Thema identifiziert. Ein junger Berliner, der seine ganze Freizeit einem irgendwo zwischen dem Orient und dem Okzident liegenden Landstrich opfert.



Sonderbar! Auch als ich Othmar persönlich kennenlernte, vor einigen Jahren in Berlin, kam ich der Lösung des Rätsels nicht näher. Wir trafen uns in meinem Hotelzimmer. Er hatte eine große Tasche voller Bücher mitgebracht, alle über Czernowitz und die Bukowina. Sie bildeten unser Gesprächsthema und nicht viel darüber hinaus.



Doch die Verbindung blieb bestehen. Andree sandte mir Texte für "Die Stimme" über Czernowitzer Straßen, Gärten und Menschen. Auch bekam ich von ihm ein äußerst wichtiges Dokument, das er entdeckt und aus dem Jiddischen ins Deutsche übertragen hatte. Es war der Brief eines jungen jüdischen Mädchens aus Czudyn, Klara Schächter, an ihren Bruder in den Vereinigten Staaten, in dem sie ihm die grauenvollen Tage und Nächte beim Einzug der rumänischen Soldateska ins Städtchen beschrieb.



Nach dieser kurzfristigen Bekanntschaft und einem sporadischen Briefwechsel, hatte ich die Gelegenheit, durch seine soeben erschienenen "Czernowitzer Spaziergänge" festzustellen, dass es sich um Gefühle handelt, um Gefühle eines Menschen gegenüber einer Landschaft. Ja, Othmar Andree hatte sich in die Bukowina verliebt.



Die Einseitigkeit dieser Empfindung scheint Othmar nicht gestört zu haben. Dies geht aus zahlreichen kleinen Feststellungen und Bemerkungen hervor, aus einer gewissen Zartheit leblosen Dingen gegenüber. Er entdeckt Details, die den meisten Beschauern nichtssagend erschienen waren. Seine Bewunderung erregen schmiedeeiserne "Kostbarkeiten", Tore, Balkone, Zäune, ... Die Gittermasten der Fahrleitung der Tramway sind für ihn "Relikte der Straßenbahnherrlichkeit" und eine kleine Grünanlage zwischen der Siebenbürger Straße und der Rathausstraße bringt ihm das verschwundene Kriegerdenkmal vor Augen.



Was den Autor aber mehr als alles andere interessiert, sind die Menschen, die diese Landschaft bevölkert haben, insbesondere die Juden. Ihnen geht er nach, sucht Beweise, Überbleibsel aus einer großen Zeit. Doch zu wenig ist noch übrig geblieben. Der einst monumentale Tempel, heute geköpft, kuppellos, in einen schmutzigen Kinosaal verwandelt, ist beispielhaft.



Die Relikte der Czernowitzer jüdischen Kultur sind geistiger Art. Es ist die einzigartige Erbschaft ihrer Lyriker, die dies osteuropäische Städtchen der Anonymität entrissen und der Weltkultur einverleibt hat. Othmar zitiert Celan, Rose Ausländer, Kittner und viele andere. Die Lyrik der Czernowitzer Dichter erleichtert das Verständnis der radikalen, oft kriminellen Umwälzungen, die sich hier abgespielt haben. Die sprachliche Vergewaltigung durch die Rumänen, sie soziale durch die Russen und schließlich die totale, endgültige, durch die rumänisch-deutsche Herrschaft.



Andree kennt die deutsche Literatur der Bukowina. Er weiß, dass er mit ihrer Hilfe die Leidensgeschichte der dortigen Judenschaft erfassen kann. Doch das genügt ihm nicht. Er sucht nach Beweisstücken. Nach jüdischen Reliquien forschend, gelangt er zu den Friedhöfen mit ihren steinernen Zeugen. Er findet die Namen der Menschen, die hier gelebt, geschaffen und gelitten haben.



Vom Friedhof in Czernowitz mit dem Grab des jungen Dawid Fallik, Symbol erwachenden Judenhasses, zu den Gräbern von Nepolokoutz auf einem mit Unrat übersäten Hinterhof eines Bauernhauses und schließlich zum Bejt Ojlim von Sadagora, mit den Gräbern der Leuchten des Chassidismus.



Ja, wenn nichts anderes zurück geblieben ist, schreiben die Grabsteinen die Geschichte. Doch nicht alle Erzählungen Andrees sind der Vergangenheit gewidmet. Ich würde die meisten Abschnitte des Buches als literarische Reportagen bezeichnen, außer der "Habsburgshöhe", einem Poem in Prosa von besonderem Reiz, wo den uralten Bäumen aus der k.u.k.-Zeit etwas vom heutigen Leben der jetzt ukrainischen Stadt gegenübergestellt wird. Auch der Cecina ist da, unverändert grün, wie zur Zeit unserer sonntäglichen Ausflüge.



Wichtige Kapitel sind der jüdischen Welt Sadagoras gewidmet, der Residenz, der Hochburg der chassidischen Dynastie der Friedmanns.



*



Aspekte aus Czernowitz und der Bukowina sind nicht chronologisch oder thematischen angeordnet, sondern wie zufällig im Lichtstrahl der Taschenlampe gesichtet. Hingegen ist jedes Thema gründlich, mit den kleinsten Einzelheiten behandelt, und nichts bleibt dem Leser verborgen. In letzter Zeit wurde viel über die Bukowina und Czernowitz geschrieben. Doch Othmar Andrees "Czernowitzer Spaziergänge" sind etwas anderes. Bei ihm verstricken sich die Vergangenheit und Gegenwart zu einem Ganzen und, wie gesagt, als Verliebter, ist er stets bereit, unter der hässlichen Farbe die Reize der Vergangenheit zu erspähen. Andree liebt die Bukowina und ihre Menschen, die einst hier gelebt, geschaffen und bitter gelitten haben, aber auch das Neue, das langsam aus dem Boden zu sprießen beginnt.



Das in der Rose Ausländer-Stiftung erschienene Buch Othmar Andrees ist für jeden Bukowiner eine spannende und zu Herzen gehende Lektüre und für den Fremden die Entdeckung einer verschwundenen Welt.








Die Stimme. Mitteilungsblatt für die Bukowiner

Nr. 610, 57. Jahrgang. März 2001

63455 Tel Aviv, Arnonstr. 12






 


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